SMI²LE: Space Migration, Intlligence Increase, Lifespan Extension — Philosophie unbegrenzten Wachstums

Ewig grüßt der Sensenmann?

Im Frühjahr 2018 wanderte ich mit einem Freund zum Brocken. Unterwegs kamen wir auf Curiepolis zu sprechen. Ich erwähnte, dass es in diesem Kosmos keine Reinkarnation (bzw. überhaupt keine Existenz einer Seele über den physischen Tod hinaus) gebe. Mein Freund sah erschrocken drein: Dann könne mit meinem Kosmos etwas nicht stimmen! Ich habe über seine Reaktion immer wieder einmal nachgedacht, und darüber, warum ein wie auch immer geartetes Jenseits oder Wiederauferstehen nicht zu Curiepolis passt.

Kunst, Philosophie und Mythologie sind seit Tausenden von Jahren besessen vom Tod. Der platonische Sokrates zeigte seine wahre Größe, als er gleichmütig Schierling trank. Die diversen monotheistischen Lehren zielen letztlich auf die Frage: Wie muss ich handeln, damit ich nach dem Tod erlöst werde? "Alle Menschen sind sterblich" argumentierte Simone de Beauvoir — ein unsterbliches Wesen sei definitionsgemäß nicht mehr menschlich. Nahezu alle Werke der Literatur beschäftigen sich in irgendeiner Form mit dem Tod — selbst wenn dieser nicht explizit in Erscheinung tritt, wird doch, sofern die Handlung einen größeren Zeitraum überdeckt, fast zwangsläufig die Entwicklung eines Menschen von der Jugend zum Erwachsenen und schließlich zum Alter (auf das anzunehmenderweise der Tod folgt) hin geschildert.

Illustration zur "Göttlichen Komödie": Dante und Vergil begegnen den Seelen der Habgierigen auf einem düsteren Felsvorsprung.
Dante und Vergil begegnen den Habgierigen in der Hölle (Illustration von Gustave Doré).

Mit der Entstehung mehrzelligen Lebens kam die Sterblichkeit auf die Welt — die Menschheit investierte enorme geistige Kräfte, um sich damit zu arrangieren.


Dya auf einem Mäuerchen, im Hintergrund Curiepolis City.
Dya Rienzi

Das Leben als endliche Spanne zwischen Geburt und Tod: Ein Produkt der Evolution, aber keine prinzipielle physikalische Notwendigkeit.

Die Grenzen der Biologie überwinden

Eine Künstlerin, der meine Curiepolis-Illustrationen gefielen, bemerkte bezüglich eines Bildes von Dya Rienzi, sie würde gerne "Dya als Erwachsene" malen. Dya als Firmenangestellte, Ehefrau, Mutter, Hausbesitzerin? Das ergäbe keinen Sinn. Wer eine zukünftige Dya zu malen gedenkt, muss eine Superintelligenz darstellen, die zu den Sternen fliegt. In der irdischen Biologie verankertes Begrenzungsdenken, das die menschliche Existenz einpfercht zwischen Geburt und Tod, wird in Curiepolis obsolet. Curiepolitaner werden nicht geboren, sondern mit einem biotechnischen Verfahren erschaffen, und an der physiologischen Unsterblichkeit forschen sie kräftig. Dya will und kann ihr Dasein nicht in die muffige Schachtel einer Alltagsexistenz sperren, ich möchte nicht reinkarniert werden: Vielmehr sind die Grenzen der Biologie zu überwinden — oder, wie Dya gerne sagt: "Du sollst die Technologie mehr lieben als die Natur!"


Sich mit Unvermeidlichem abzufinden, galt lange als Zeichen von Weisheit. Viele werden sagen: vernünftigerweise! Denn gegen etwas, was sich prinzipiell nicht vermeiden lässt, aufzubegehren, ist natürlich dumm. Das Problem an dieser Argumentation liegt darin, dass immer mehr angeblich "unvermeidliche" Schicksalsschläge durch das Voranschreiten der Technologie vermeidbar geworden sind: Thomas Malthus prognostizierte Hungernöte, weil die Bevölkerung exponentiell, die landwirtschaftliche Produktion linear steige — diese traten nicht ein, da moderne Anbaumethoden, Düngemittel, Gentechnik und Konservierungsverfahren es der Landwirtschaft erlauben, mit der Anzahl der zu ernährenden Menschen Schritt zu halten. Krankheiten, die früher den sicheren Tod bedeuteten, sind heilbar geworden, die Lebenserwartung hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte vervierfacht. Dumm — bzw. geradezu unanständig — ist es, über ein Problem zu jammern, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Weisheit äußert sich im Ersinnen von Methoden, mit denen sich das Problem aus der Welt räumen lässt.

Technologie hilft, Leid und Mangel zu überwinden.

Theodore Roosevelt: "Complaining about a problem without proposing a solution is called whining."
Auch wenn er das in Wirklichkeit nicht so gesagt haben sollte: Es stimmt!

Das erste Kunstwerk jenseits des Nachhaltigkeitsdenkens

Buddha lehrte die Menschen, ihr tägliches Elend durch Meditation und inneren Frieden zu ertragen: Denn er kannte noch keine Impfstoffe, Antibiotika, keine industrielle Produktion und Gentechnik. Von der Urzeit bis ins zwanzigste Jahrhundert saß die Menschheit hilflos-gebannt vor dem Grauen von Mangel, Krankheiten und Tod wie die Maus vor der Schlange. Doch Wissenschaftler haben Methoden gefunden, der Schlange den Kopf abzuschlagen. Im kulturellen Bewusstsein ist dies noch nicht angekommen: Die Rede ist von den "Grenzen des Wachstums", vom "Vorsorgeprinzip", von "Nachhaltigkeit". Curiepolis ist das erste Kunstwerk, dem unbegrenztes Wachstum als zentrale Idee zugrundeliegt.

Staatsflagge von Curiepolis. Sternhaufen, Rakete und Mikroprozessor umfasst von doppelter Lilie, DNS-Molekül, Kernspaltungsreaktion — Grundlagen des SMI²LE-Programms.
Staatsflagge von Curiepolis. Sternhaufen, Rakete und Mikroprozessor umfasst von doppelter Lilie, DNS-Molekül, Kernspaltungsreaktion — Grundlagen des SMI²LE-Programms.

Timothy Leary prägte die Formel SMI²LE, die sich auch auf der curiepolitanischen Flagge findet: Space Migration (Weltraumbesiedlung), Intelligence Increase (Intelligenzerhöhung), Lifespan Extension (Lebensverlängerung). Die Fesselung an einen einzigen Himmelskörper, die begrenzte Rechenleistung des Gehirns, zeitliche Beschränkung der menschlichen Existenz auf maximal ein Jahrhundert sind nicht mehr als zu akzeptierende, unverrückbare Tatsachen hinzunehmen. Diese Philosophie nennt man Ektropismus oder Negentropismus: Gegenentwurf zum heute vorherrschenden Nachhaltigkeitsdenken.


Der amerikanische Wissenschaftler Alvin Weinberg hat in der Kerntechnik Bedeutendes geleistet: Sowohl der Leichtwasserreaktor wie der Flüssigsalzreaktor gehen auf seine Konzepte zurück. Seine Vorstellung eines "asymptotischen Zustandes" der irdischen Zivilisation zeigt allerdings, dass er das jahrtausendealte Begrenztheitsdenken noch nicht überwunden hatte. Die Idee, die Menschheit werde Jahrmillionen lang auf der Erde existieren, ohne dass es noch zu irgendwelchen einschneidenden Veränderungen kommt, unterscheidet sich letztlich von den heutigen "grünen" Nachhaltigkeitsentwürfen nur in dem Detail, dass Weinberg den Flüssigsalzreaktor als energetische Grundlage der "asymptotischen Menschheit" sah und nicht Solarpanels und Windkraftanlagen. Bei der Lektüre von Energy as an Ultimate Raw Material denkt man unwillkürlich an eine globale Vorstadtsiedlung: Einfamilienhaus an Einfamilienhaus, süßlich-stickiger Mittelschichtsluxus weltweit für immer und ewig — bis in ca. 1 Milliarde Jahren die Leuchtkraftzunahme der Sonne den sorgsam gemähten Rasen verdörren lässt. Kaum eine anheimelndere Vorstellung als eine Menschheit, die in einer semi-bronzezeitlichen Waldhüttenkolonie mit Solarzellen auf den Dächern dem Wärmetod entgegenvegetiert.

Zukunft der Menschheit?
Zukunft der Menschheit?

Aufgewachsen in einer endlosen Vorstadtsiedlung, identische Häuschen kolonnenweis, schniegelglatter Rasen...

— Dr. Charles T. Owlglass


Tausend, zehn- oder hunderttausend Jahre in der Zukunft werden die Menschen genausowenig in irdischen Reihenhäuschen einem geregelten Mittelschichtsleben nachgehen wie Dya Rienzi je einen Bürojob annehmen wird — schon alleine, weil Homo Sapiens sich vermutlich bereits gegen Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts mittels Gentechnik zu einer anderen Spezies umgestaltet oder in mehrere aufgeteilt, und die terragene Intelligenz in kommenden Jahrtausenden mit unseren heutigen biologischen Gehirnen und Körpern kaum noch Ähnlichkeit haben wird.

Bewusstsein als negentrope Kraft

Geschlossene Systeme entwickeln sich im Laufe der Zeit zu zunehmender Gleichförmigkeit — Unterschiede und Gradienten werden ausgeglichen, Strukturen eingeebnet: Dies ist der Zweite Thermodynamische Hauptsatz von der Zunahme der Entropie. Das Bewusstsein wirkt hierzu als Gegenkraft: Es schafft lokal hochgeordnete Strukturen, darunter solche, die in der Natur nicht oder nur sporadisch auftreten. Hierbei entsteht Abwärme — Infrarotstrahlung, die die Entropie außen herum um den vom Bewusstsein gestalteten Bereich (nach Wladimir Wernadski: die Noosphäre) erhöht, so dass global der Zweite Hauptsatz gültig bleibt.

Die Philosophie ist nicht dazu da, einen "Sinn des Lebens" zu finden. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, der Menschheit mögliche Ziele und Entwicklungspfade aufzuzeigen!

Einem weitverbreiteten Missverständnis zufolge besteht das Ziel der Philosophie darin, den "Sinn des Lebens" zu entdecken — dies sei zum Scheitern verurteilt, da Sinn prinzipiell nur individuell definiert werden könne. Die Aufgabe der Philosophie ist aber eine andere: der Menschheit Ziele zu zeigen! Der Ektropismus stellt der terragenen Intelligenz eine faszinierende Aufgabe: Die Noosphäre möglichst weit ins All hinein auszudehnen und den Strukturierungsgrad (d.h. die Informationsdichte) in ihr zu maximieren. Das bedeutet, dass interstellare Raumfahrt entwickelt werden muss und die Fähigkeit, Materie auf atomarem, perspektivisch sogar auf Elementarteilchenniveau zu bearbeiten.


Kernenergie — ja bitte!

Klar ist, dass auf Sonnenlicht basierende Energiequellen (Photovoltaik, Windkraft, Biomasse...) für die Ziele des Ektropismus nahezu nutzlos sind: Sonnenlicht ist ein diffuser Energiestrom mit wenigen Elektronenvolt pro Elementarteilchen. Zur Erschaffung komplexer Strukturen werden dagegen äußerst hohe Energieflussdichten benötigt, da man die Materie punktpräzise mit hoher Wirkung bearbeiten muss. Dies impliziert die Nutzung nuklearer Energiequellen — heutzutage Spaltung und absehbar Fusion mit Energiedichten im Bereich mehrerer Megaelektronenvolt pro Teilchen, zukünftig womöglich Materie-Antimateriereaktionen, monopolkatalysierter Protonenzerfall oder sogar künstliche schwarze Löcher zur Freisetzung der Ruheenergie von einem Gigaelektronenvolt pro Proton oder Neutron. Insbesondere Raumfahrt mit hohen Schubkräften und hohen Endgeschwindigkeiten funktioniert nur mit nuklearen Antrieben: Elektrische und photonische Antriebe sind zu schubschwach, chemische vermögen Delta Vaus von maximal einigen zehn Kilometern pro Sekunde zu erreichen.

Um hohe Energieflussdichten für effektive Materieumformung und Raumschiffantriebe zu erzielen, müssen Kernreaktionen nutzbar gemacht werden.

Nuklear angetriebenes Raumschiff. Man beachte die enormen Infrarotabstrahler!
Das curiepolitanische Experimentalschiff Trobadora Beatriz. Es verfügt über einen doppelten Nuklearantrieb: Ein fissionsgepumpter Laser zündet Fusionsbrennstoffpellets.

Lena und Louisa, zwei Mädchen vom Planeten Tlön, treffen nach einer langen Wanderung in einer Höhle auf einen unheimlichen Gnom, der starr vor einem Rechner sitzt. Es ist der Leviathan, Verkörperung von Gleichförmigkeit, Antriebslosigkeit — d.h. Entropie!
Lena und Louisa begegnen in einer Höhle dem thermodynamischen Leviathan.

Nur, wenn es der Intelligenz gelingt, soviel wie irgend möglich vom Universum zu ihrem Handlungsfeld zu machen, hat sie eine Chance, den finalen Kampf mit der Entropie am Ende der Zeit zu bestehen.

Zeit gewinnen, um die Thermodynamik zu überlisten

Durch Ausdehnung der Noosphäre entsteht im Universum eine niederentrope Blase. "Wozu eigentlich?" — werden nun Einige fragen — "wenn die Abwärme die Entropie außerhalb der Blase in stärkerem Maße steigen lässt als sie in ihr sinkt, dann ist der Sieg der Intelligenz nur vorübergehend. Es wird Zeit gewonnen, sonst nichts."

Exakt: Die Betonung liegt auf Zeit gewonnen. Es wird Zeit gewonnen — viele Jahrmilliarden — um Mittel und Wege zu ersinnen, den Zweiten Thermodynamischen Hauptsatz entweder endgültig zu überwinden oder aber zu überlisten, beispielsweise durch Konstruktion von Raumzeitbrücken in Paralleluniversen. Niemand kann wissen, ob am Ende die Intelligenz oder der Wärmetod (in Curiepolis repräsentiert durch die unheimliche Figur des Leviathan) den Sieg davontragen wird — aber wer nicht kämpft, hat schon verloren, und es gibt keine schmählichere Niederlage als in irgendeinen asymptotischen, nachhaltigen Zustand hineinzudämmern.


Philosophen und Künstler entwickeln Ziele für die Menschheit, Naturwissenschaftler Methoden, wie die Ziele erreicht werden können. Sich für ein bestimmtes Ziel zu entscheiden, ist Sache jedes Einzelnen. Warum sollte sich jemand für das ektrope Projekt begeistern? Die Antwort ist einfach: Weil es abenteuerlich und aufregend ist! Forschung und Kreativität sprechen das Belohnungszentrum in unserem Gehirn an. Wir sollten das Weltall besiedeln, unsere Intelligenz steigern und unsere Lebenserwartung maximieren — möglicherweise bis hin zur Unsterblichkeit — weil es Spaß macht. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die Spaß haben, auch die freundlichsten Menschen sind. Das Akronym SMI²LE ist sehr treffend gewählt!